aus "Deutsche Kunst und Dekoration", Januar 1914

LOTTE LÄSST DIE PUPPEN TANZEN

„Wachsfiguren … Dekadenz … schmale Hände …“  Mit diesen Worten beschrieb sich 1923 die Ausdruckstänzerin Anita Berber in ihrer Rolle als eine der bekannten Puppen der Künstlerin Lotte Pritzel. Gemeinsam mit ihrem Partner Sebastian Droste ließ Berber in ihrem Programm  „Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase“ die Figur lebendig werden. Schon 1919 hatte sie „Die Pritzelpuppe“ getanzt und sich in den Bewegungen wie eine Marionette vorgeführt.

Lotte Pritzel (1887-1952) lebte in den Kreisen der Schwabinger und Berliner Bohème. Sie gehörte zum Freundeskreis um die Gräfin Franziska von Reventlow, Erich Mühsam und Jacob Hoddis. Ihre ab 1910 entstandenen, zuerst beweglichen Puppen, wurden regelmäßig in der Zeitschrift „Deutsche Kunst und Dekoration“ gezeigt. Sie trugen Kostüme der Rokokozeit, stellten kleine Szenen dar. Ab 1916 formte die Künstlerin ihre Wachsfiguren – Tänzerinnen und Tänzer, Figuren aus der Theaterwelt und Mythologie - durchgängig aus Wachs über Draht und stellte sie auf kleine Sockel. Die bis zu 65 cm großen „Puppen für die Vitrine“ trugen oft androgyne Züge und wurden vor allem durch das Berliner Kunstgewerbehaus Friedmann & Weber mit Erfolg verkauft.

Von Rainer Maria Rilke als „kleine Seelen“ bezeichnet, scheinen die Wachsfigurinen Geschichten zu erzählen, von der Beziehung zwischen den Geschlechtern, dem Spiel mit Liebe und Erotik. Sie sind „Geschöpfe meiner selbst“, formulierte es Pritzel einmal. Die fragilen und überlangen Körper in hauchzarte Gaze gekleidet, die Münder leuchtend rot bemalt.  …Gold auf nacktem Körper …

 

Dr. Barbara Borek, Februar 2010

 

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